Kitsch & Abschiedsschmerz

Ein aufregendes und wundervolles Jahr geht zu Ende. Zwölf Monate vergingen wie im Flug und waren dennoch Zeit genug alle möglichen Facetten eines Freiwilligenjahres auszuschöpfen: die Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen, die Arbeit, das Reisen, die Verantwortung, die Probleme, das Vertrauen, die Spontanität und die Wunder- all das erlebt wohl jeder Freiwillige in seinem Dienst. Und jeder verbindet diese Worte mit einer anderen Erinnerung.

Und noch jetzt, wo ich schon seit einer Woche wieder daheim bin. Die Tatsache hingenommen hab, dass es leider schon vorbei ist. Dass etwas Neues beginnt und ich mich darauf freue. Noch jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich Prag vor meinen Augen mit seinen bildhübschen Straßen und Brücken, Dächern und der Moldau. Und den Menschen, die ich dort getroffen habe und die mir so ans Herz gewachsen sind. Wenn ich mir die Abschiedsgeschenke meiner Klienten anschaue, erinnere ich mich an die vielen Tassen Tee, die wir zusammen getrunken haben und an die Erzählungen aus ihrem Leben, denen ich gelauscht habe. Wenn ich mir Photos von der WG ansehe, muss ich mir Tränen und Lachen zugleich verkneifen, wenn ich an die vielen Abende im Wohnzimmer, auf der Terasse, in Bars und Gassen der Stadt, auf Reisen in fremde Städte und vielmehr denke. Und an den unglaublichen Spaß, den wir hatten und die Leichtigkeit, die wir geteilt haben.

Der Abschied fiel uns allen nicht leicht. Von unseren Klienten und natürlich nicht zuletzt von uns gegenseitig, der wohl allem noch mal die Krone aufgesetzt hat. Eigentlich fing es über zwei Wochen vor Dienstende an. Als mir eine Klientin ganz urplötzlich sagte, sie wird übermorgen auf ihr Wochenendhaus fahren und erst im Oktober wieder kommen. „Dann sehen wir uns wohl nicht mehr!“ Das war für mich wie ein Schlag in die F…- Magengrube. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Aber ich habe doch gar kein Abschiedsgeschenk dabei, Frau P.“, stammelte ich. „Das macht doch nix, das konnten Sie doch nicht wissen! Nehmen Sie mich noch einmal mit zum Einkaufen, dann können Sie nach Hause gehen.“

Noch nie habe ich mit jemanden so intensiv eingekauft. Es war wie der Besuch einer Ausstellung. Wir gingen jeden Gang in dem großen Tesco langsamer als sonst ab. Betrachteten die Waren, wie teure Gemälde. Überlegten, ob Frau P., denn wirklich Auberginen braucht. „Und das Olivenöl ist im Angebot!“ „Aber brauchen Sie denn gerade Olivenöl?“ „Hmmm… Aber so ein Sweater für den Herbst- wir schauen nochmal in das Abteil dadrüben!“ Wir haben uns seeehr viel Zeit gelassen. Frau P. fragte mich alle paar Meter, ob ich diesen Joghurt haben will oder jenen Kuchen oder ein paar Scheiben von diesem Käse. „Nein, danke ich hab genug daheim. Ich muss doch alles aufessen, ich fahr doch bald nach Hause.“ „Wie sie meinen aber diese Törtchen werden sie mitnehmen, ob Sie wollen oder nicht!“ Zurück bei ihr zuhause wurde ich plötzlich wieder ganz nervös. Wir haben noch ein bisschen geredet, obwohl ich eigentlich gar nicht recht wusste, worüber ich am besten mit ihr reden soll. Ich dachte ja wir würden uns noch ganze zwei Mal sehen. Dann ging doch alles blitzschnell. Ich zog meine Schuhe an. Sie drückte mich an sich und langsam bekam auch ich Tränen in die Augen. Was soll ich jetzt sagen. Ich wollte ihr doch noch so viel sagen: wie wohl ich mich bei ihr gefühlt hab, wie dankbar ich bin, dass sie mir so selbstverständlich und jedes Mal eine andere großartige Mehlspeise herbei gezaubert hat, dass ich sie vermissen werde, dass ich sie bewundere, dass sie eine der Wenigen is, die ihrem Alter trotzt und jeden Sommer allein ein paar Wochen auf ihrer Datsche verbringt… Irgendwie sowas Kitschiges hätte mir doch wohl einfallen können. Doch dafür war kaum Zeit und sagte ihr nur eindringlich: „Vielen Dank für Alles, Frau P.!“ und gab ihr einen Kuss. Dann fiel die Tür ins Schloss und ich fand mich im Autobus auf der Stadtautobahn wieder, unruhig, weil mir nicht mehr einfiel als „Danke“ zu sagen. Am Abend googlete ich nach schönen Zitaten zum Abschied, die man vielleicht auf eine Karte schreiben kann oder auf die Rückseite eines Photos. Eins hat mir besonders gefallen: Abschiedsworte müssen kurz sein, wie eine Liebeserklärung.

Jeder der Abschiede mit meinen Klienten verlief ungefähr gleich. Zäh und ziemlich schmerzhaft. Obwohl ich bei den anderen widerum darauf eingestellt war. Abschied. Das kann man nich üben. Man kann sich nicht darauf vorbereiten und auch nicht erwarten, dass es mit jedem Mal leichter wird. Man kann nur versuchen sich abzulenken, die Tatsache einfach unter den Tisch fallen zu lassen, dass die Leute alt sind. Und ich finde, die Sache an sich is doch kitschig genug, als das man sie noch zuaätzlich mit unendlich vielen poetischen Worten schmücken müsste. Wie eine Liebeserklärung. Das Wesentliche sind drei Worte: Auf. Ein. Wiedersehen! Alles andere ist doch nebensächlich. Und dennoch ist mir aufgefallen, dass ein harter Abschied ein Zeichen dafür ist, dass die Zeit einfach super war. Ein Jahr mit Menschen, die man nicht so leicht vergisst. Menschen, die mir jetzt (und das wurde mir erst durch den Abschied klar) ganz nah bei mir stehen und die ich sehr vermissen werde! Dieses Jahr war wundervoll und jeder wunderbare Augenblick unaustauschbar. So, das war wohl jetzt doch ein bisschen zuviel des Guten, aber ich kann nich anders Leute! :‘)

Bevor das jetzt noch so weiter geht, bedanke mich heute schon an dieser Stelle, meine lieben BlogverfolgerInnen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, diese Artikel zu schreiben. Und ich hab mich unheimlich über jeden Kommentar dazu gefreut. Ich danke euch großzügig  und verneigend für die Aufmerksamkeit, für die Unterstützung, für die Kritik und das große Interesse. Und verbleibe mit nichts weiter als einem herzlichen Na shledanou a děkuji vám moc krát za všechno! Ahojahoj –eure Kathy.

P.S.: Es war einfach wunderbar. Einfach Alles.

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Dobrodružství- das bedeutet Abenteuer!

„Drrriing, Drrriing“ läutet es. Motorbrummen. Völlig entnervte Autofahrer, die Fenster heruntergekurbelt. Die linke Hand hängt aus dem Fenster. Lässig zwischen Zeige- und Mittefinger eine glimmende Zigarette. Ein Mopedfahrer mogelt sich langsam und versucht-unauffällig am Stau vorbei. „Drrrring, Drrrrrrrriing“. Schweißgeruch steigt mir in die Nase. Ich spüre etwas kantiges in meiner linken Hüfte. Vor mir schaue ich direkt in einen blondgelockten Hinterkopf. Meine Hand umklammert fest die Stange. Es ist unglaublich heiß. „Drrring, Drrrriiiiiiiiiiiiiiiiiing“ Mittlerweile müsste jeder Idiot bemerkt haben, dass die Tram auf ihr Vorfahrtsrecht pocht oder wohl eher eindringlich läutet! Doch ihr nervenaufreibendes Drring Drring hilft leider auch nichts im Feierabendstau. „Drrrrrrrrriiing“ Als ich gerade beschließe die Hand, die die Stange festhält zu lockern, fährt sie ruckartig an und ich kann gerade noch verhindern, dass ich in die Arme meines Hintermanns falle. Im Schneckentempo gehts weiter, dann mit einem Ruck hält sie wieder an. Fährt ruckartig los. Hält ruckartig an.  Fährt ruckartig los. Hält an… Ich schließe die Augen und wünsche mir die Fähigkeit mich beamen zu können… Fährt ruckartig los. Hält an. Fährt los. Hält an. Fährt los…- ich schwöre mir, wenn sie jetz wieder los fährt um nach einem Meter wieder… sie hält ruckartig an. Ich schließe wieder die Augen und versuche nicht daran zu denken, dass es unsinnig war, die 22 zur Burg hoch zu nehmen. Und freue darauf, wenn ich wieder in Deutschland bin, das Fahrrad überall mit hin zu nehmen. Bald bin ich wieder mit meinem Drahtesel vereint! Im selben Moment beiße ich mir auf die Lippe, denn mir fällt ein: Bald- das ist schon in wenigen Wochen!– Doch dem Abschied will ich den heutigen Bericht nicht widmen. Verabschieden brauche ich mich erst in 6 Wochen. Warum muss man das Thema schon jetzt immer und immer wieder aufwärmen? Meine Klienten fragen mich neuerdings ständig, ob ich mich schon auf Zuhause freue. „Ja und nein!“ antworte ich darauf nachdenklich. Und möchte das Thema nicht weiter ausführen. Ein paar Freunde sind schon wieder in ihren Heimatländern. Die Bewerbungen sind auch schon aus dem Haus, aber ich bekomme eh erst in einem Monat Bescheid. Warum sich schon darüber den Kopf zerbrechen? Viel zu oft werde ich daran erinnert, dass es gen Ende geht. Nein! Vom Abschied möchte ich das nächste Mal erzählen. Im letzten Blogbericht.

Es war ein sehr kurioser Tag heute. Wieder einer der Tage, an dem ich eine Menge von meinen Klienten gelernt habe:

Paní Z. ist ein kleine Frau, die erst seit ein paar Jahren nicht mehr so gut laufen kann. Sie läuft! Aber sehr langsam. Sie braucht meinen Arm und ihren Stock. Aber dann geht es! Sie sagt mir immer, sie müsse trainieren. Die Stufen rauf und wieder runter. Bei der nächsten Treppe dann mal ohne Zwischenschritt. Jetzt allein. Sie droht zu fallen, ich biete ihr den Arm zur Hilfe an. Sie lacht und sagt, sie sei froh, dass ich so geduldig mit ihr bin. Paní Z. spricht nicht sehr gut Deustch. Mein Tschechisch und ihr Deutsch sind ungefähr auf einem Niveau. Geduldig erklären wir uns gegenseitig, wenn wir uns mal wieder nicht verstanden haben. Es kommt auch hin und wieder zu Missverständnissen. Doch die beseitigen wir meist mit Humor! Wir gehen viel Spazieren. Unterhalten uns über Gott und die Welt, auch wenn wir manchmal nicht wissen,was der andere meint. Heute morgen bin ich um 7 uhr aufgewacht, schaute aus meinem Fenster: Es nieselte ein bisschen. Und das obwohl paní  Z. und ich heute endlich unseren Ausflug in den Burggarten machen wollten. Immer kam etwas dazwischen: Einmal war es zu kalt draußen. Ein anderes Mal hat sie sich nicht gut gefühlt. Doch letzten Mittwoch haben wir gesagt: Egal, was für ein Wetter sein wird! Ob hezky nebo déšť! Wir gehen in den Burggarten! Nagut. Also raus aus den Federn, Regenjacke an. Wir haben uns um 9 uhr bei der Metrostation Malostranská verabredet. Von dort wollen wir hoch zur Burg gehen. Es wird mühsam- aber paní Z. ist fest entschlossen. Wir plaudern vergnügt, tauschen Neuigkeiten aus. Sind ganz guter Dinge. Doch dann macht paní Z. kurz vor der Gasse nach oben kehrt und zieht meinen Arm auf einen Trampelweg parallel zur der Gasse. Dieser Weg ist steil, schmal und nicht sehr gut gepflastert. Es geht höher hinauf, steile Treppen. Uiuiui ob das gut gehen wird, denke ich bei mir. Doch paní Z. zieht mich unermüdlich weiter. Plötzlich kommen wir zu einer kleinen Gabelung. Paní Z. entscheidet sich für den Pfad weiter an der Mauer entlang. „Den können wir nicht gehen. Der Weg ist nicht gepflastert, das Gras ist hochgewachsen, überall Mücken, und hohe Stufen und Steine im Weg…“ Doch paní Z. ignoriert meine Aussage und diese Tatsache und bahnt sich den Weg weiter hinauf. Dann die erste Hürde eine etwa halber Meter hohe Schwelle. Ich schaue mit offenen Mund zu, wie dieses kleine Frau mit ihren kranken Füßen die Stufen hoch klettert als wäre sie 80 Jahre jünger. Sie lacht, als ich ihr meinen Arm anbieten will. „Nein Nein! Ich kann das allein!“ Jetz muss ich auch lachen. Unten fahren die Autos, ein paar Leute gehen auf dem anderen Weg rechtsunterhalb von uns vorbei. Sie fragen, wie alt meine Großmutter sei und bieten uns ihre Hilfe an. „Nein Nein ich brauche keine Hilfe“ Die Leute schauen verdutzt, winken und wünschen uns „Good Luck!“ eine halbe Stunde später stehen wir tatsächlich auf der vorerst höchsten Ebene unseres Mount Everest. Nach einigem schnaufenden Minuten fragt mich paní Z., was Abenteuer auf Tschechisch heißt. Ich überlege kurz. “ Hmmm… Ich weiß nicht!“ „Dobrodružství“ Sie lacht. Wir ruhen uns noch ein bisschen aus. Dann geht es wieder ein Stück weit hinunter. Dort wird der Weg ein bisschen besser ein. Und da oben ist endlich der Garten. Wir werden uns auf eine Parkbank setzen. Dann werden wir die Vielfalt der Pflanzen bewundern und paní Z.s heutige Meisterleistung! Am Abend werde ich nach Hause fahren. In der vollgestopften Tram, in der es nach Schweiß riecht und darüber nachdenken, was sich paní Z. bei diesem waghalsigen Ausflug gedacht hat. Und was ich mir gedacht habe, darauf einzugehen. Dann werde ich mit meinen Mitbewohnern zu Abendessen und sagen: „Wo ich heute mit meiner Klientin unterwegs war, dass werdet ihr mir nie glauben!“ Dann wird paní Z. mich anrufen. Sie wird mir sagen, dass sie erschöpft ist, aber glücklich! Dass es heute mit mir viel Spaß gemacht hat und dass sie sich nur noch mal Bedanken wollte.

Das Alter mag den Gang verlangsamen, den Rücken beugen, die Hände zittern lassen, das Sehen erschweren. Aber wenn ich mit 88 Jahren den Willen und die Abenteuerlust eines Kindes besitze und dann einen verrückten Freund finde, der mit mir die Schranken des Alters überwindet- nun dann mache ich mir vorerst keine Sorgen mehr darüber in ferner Zukunft ein alte Frau zu werden!

Summertime, and the livin‘ is easy

Hier sitze ich auf unserer Terrasse. Die ersten richtig warmen Tage haben Prag erreicht und versprechen einen sonnigen und unbeschwerten Sommer. Die Vögel zwitschern. Die Autos unten brummen laut. Ein Flugzeug setzt zum Landeanflug an- dort hinten irgendwo, da wo die Sonne schon längst untergangen ist und den Himmel über die vielen Dächer in ein Farbenspiel aus rot, blau, orange und grün verwandelt. Endlich ist er da, der Sommer. Die Prager wachen auf und es treibt sie raus aus dem Druck von Giebeln und Dächern in die Parks und ans Ufer der Moldau. Die Touristensaison hat begonnen und ich vergesse hin und wieder, dass ich immer noch in einem Land lebe, in dem die Leute eine fremde Sprache sprechen. Denn sie sind wieder da! An allen Ecken! Einfach überall: deutsche und österreichische Touristen. Nicht selten wird man jetzt häufiger nach dem Weg gefragt. Dann gern auch auf englisch und Verblüffung tritt in die Gesichter, wenn ich erkläre, dass sie ruhig mit mir deutsch sprechen können und ich liebend gern erkläre, das dass pompöse Gebäude mit dem goldenen Verzierungen das Nationalmuseum ist oder dass es zur Karlovy Lázně Discothek noch 500 m zu Fuß Richtung Wasser sind. Auch meine lieben Alten werden vom sommerlichen Treiben angesteckt und der eine oder andere, der sonst eigentlich am liebsten zuhause ist, lässt sich immerhin auf einen Spaziergang einmal um den Häuserblock ein. Oder zumindest die Straße rauf und wieder runter. Auf der anderen Seite gibt es auch die, die mir begeistert vom Prager Zoo erzählen oder vom Burggarten oder von ihrer Datsche und ob wir beide nicht einmal einen Ausflug dorthin wagen wollen.

Mir kommts vor der Kalender, obwohl die Tage endlich wieder länger sind, blättert die Monate immer rascher um. Die 2 Monate seit meinem letzten Blogeintrag waren mit viel Arbeit, Stress und Planung verbunden. Ein eigenes kleines Projekt wurde begonnen, das große Bewerben für die Zeit nach dem Freiwilligen Leben beginnt, Besuch war da von Freunden (es war bitter nötig sie wieder um mich zu haben), ein Frühlingskonzert, eine Reise nach Bratislava, Herta Müller in Prag, Ostern, ein Wochenende in Berlin und selbstverständlich wollten immer noch 10 Klienten besucht werden… all das kostete viel Kraft, Arbeit und Begeisterung. Trotzdem wusste ich in der letzten Zeit manchmal gar nicht, wo mir der Kopf steht. Es schien so, ich würde die meiste Zeit auf dem Weg von einem Klienten zum anderen verbringen. Und wenn ich nicht in der Metro saß, dann war ich bei dem Gedanken, wie ich am schnellsten zum nächsten Klienten komme. Und weniger bei dem Gedanken, die paar Stunden bei dem Klienten so schön, wie möglich zu gestalten. Die Stadt gab mir keine ruhige Minute. Das ist mir jetzt aufgefallen und schraube etwas zurück. Ich möchte ja immer noch was vom Projekt haben und nicht zuletzt den Sommer in der Goldenen Stadt genießen

Aprospros: Goldig war es, wie Frau Paní mir letzten Mittwoch mit einer „sommerlichen Überraschung“ eine Freude machte. Frau Panís Leidenschaft ist nämlich das Backen. Und deshalb falle ich glücklicherweise jeden Mittwoch um 2 uhr ihren Backkünsten zum Opfer. Was ich schon alles verkosten durfte: Apfelstrudel, der noch warm war, Plätzchen, Mehlspeise mit selbstgemachter Johannesbeermarmelade vom letzten Jahr, Buchteln (böhmischer Hefekuchen), Schokomuffins und und und alles darf ich auf essen! Letzten Mittwoch war es aber so, dass „ich leider keine Lust hatte zu backen“. Macht nix sage ich und mache mich über die noch übrig gebliebenen Buchteln her. Wir unterhalten uns über ihre schwangere Enkeltochter, über ihre leuchtend blaue Orchidee, die sie zum Geburtstag bekommen hat und über das Wetter- sie bricht mitten im Gespräch ab. „Warten Sie!“ Sie nimmt ihren Gehstock, schiebt ihre Brille hoch zur Nasenwurzel, steht mit einem kräftigen Ruck aus ihrem Sessel auf und läuft hastig in die Küche. Ich nehme mir einen Schluck aus meiner Teetasse und warte. Aus der Küche höre ich, wie der Stock (wie immer, wenn sie sich beeilt) auf den Boden kracht, dann geht die Kühlschranktür mit einem Ruck auf, dass die Flaschen in der Schranktür aneinander klirren. Sie stellt etwas auf den Küchentresen. Der Kühlschrank geht zu. Ein leises Stöhnen, als sie den Stock aufheben will. „Kann ich Ihnen helfen?“, rufe ich ihr aus dem Wohnzimmer zu. „Nein, nein ich kann das allein!“ Eine übers ganze Gesicht lächelnde Frau Paní kommt zurück ins Zimmer. In der einen Hand den Stock, in der anderen die Sommerüberraschung: große saftig rote Erdbeeren auf Pischkotten und mit einer dicken Sahnedecke umgehüllt! „Das ist für Sie!“, sagt sie mit feierlicher Stimme. Ich freue mich, wie ein kleines Kind! Die ersten Erdbeeren dieses Jahr!!, wenn auch aus Spanien. „Danke, es schmeckt großartig!“ „Ja, bin ich gern!“, sagt sie und lacht.

„Wie alt sind Sie jetzt?“ „Ich werde im Mai 19!“ „Ja 19, das ist ein schönes Alter. Das ist eine schöne Zeit!… Das schlimmste war wohl, dass wir damals genauso alt waren und wir mussten den ganzen Tag arbeiten und jeden Tag mussten wir die letzten Stunden unsere Zeit absitzen bis wir Feierabend hatten! Und selbst dann: wir konnten ja nicht ins Kino oder tanzen gehen! Das war schlimmer, als das Arbeiten!“ Frau Paní ist nicht nur Opfer des sog Total Einsatzes geworden, sondern auch der politischen Unterdrückung des tschechoslowakischen Volkes zu Zeiten des Kommunismus. Ihr Mann hat Geschichte studiert, er hat nie als Historiker arbeiten dürfen. Er arbeitete in einer Firma, die Rohre verlegte. Bis ’69 arbeitete Frau Paní in einem Radio. „Das war wirklich schön!“ Doch dann musste sie einen anderen Beruf ausüben. Bis zu ihrer Rente hat sie in einem Unternehmen gearbeitet. Aber die Arbeit hat ihr nur halb so viel Spaß gemacht. Sie bedauert es zutiefst. „Aber ’89- die samtene Revolution, da war es doch vorbei, oder!“ „Ja, ich stand auch auf dem Wenzelsplatz als Havel und Dubček, den Umbruch forderten! Und ich hab auch meinen Schlüssel rausgeholt und bin in den Jubel und in das Klirren eingestimmt!“ Novmber ’89 vielen die Blätter endlich runter und eine Revolution überrollte sanft die Tschechoslowakei und auch das Leben meiner Klienten. Endlich Freiheit und Selbstbestimmung! Ein Traum der Jahrzente geträumt wurde und endlich und endgültig(!) zur Realität wurde. Doch für Frau Paní und ihren Mann vielleicht ein bisschen zu spät: Sie waren erst als Rentner freie Menschen.

Wenn mir meine Alten so von ihrem Leben erzählen, dann denke ich selbst über meine Träume und Ziele nach. Und spüre dabei auch eine Ungewissheit, was die Zukunft betrifft: Ob es so sicher und leicht bleiben wird, wie jetz. Ob ich fürchten muss, dass sich wieder ein Land Europas oder der Welt in den absoluten Wahnsinn stürzt. Ob die Menschen jemals aus ihrer Geschichte lernen werden… Auf der anderen Seite erfüllt mich ein unglaublicher Tatendrang, und die Überzeugung, dass es immer Leute geben wird, die nicht tatenlos zu sehen werden und dass dann die Solditariät mit diesen Leuten, dass höchste Gut sein wird! -> http://www.youtube.com/watch?v=L6NqBFDphm0

PR-Beraterin für Facebook

Einem 88 Jährigen zu erklären, wozu Facebook gut ist, ist genauso leicht, wie einen kleinen Deckel auf einen großen Topf zu setzen. 2 Stunden haben wir diskutiert. Ich habe versucht es mit einem E-Mail-Programm zu erklären. Herr Pán ist im Grunde ziemlich pfiffig, was Google, Videotelefonie und Computer angeht. Mein erster Erklärungsversuch: Es ginge nicht nur um die einfache Handhabung, jeden mit kleinen Nachrichten zu nerven. Vielmehr ginge es um die ständige online-Aktualisierung privater Angelegenheiten. Das verständlich darzustellen, war doch nicht so leicht, wie ich dachte. „Wer macht denn sowas?“ Diese Frage hat mich ganschön ins Schwitzen gebracht. Aber nicht die Tatsache scheinbar unschuldig darauf antworten zu müssen. Es war eher die Absurdität dieser Handhabung, die durch diese Frage offenbar wird. „Ja… Sie müssen mir das aber nicht erklären. Wissen Sie? Sie sind jung und ich bin ein alter Mann. Ich brauch das nicht!  Aber…“ Er ist neugierig und er will sich auch anmelden, damit er es mit eigenen Augen sehen kann. Name, Passwort, E-Mail-Adresse… Kurzer Hand bekam ich eine Freundschaftsanfrage von Herrn Pán, die ich natürlich fakelich- nein facelicher- aaach ich mein natürlich freundlicherweise(!) angenommen habe. Er: „Was machen wir jetzt?!“ Ich zeige ihm geübt, wie man den eigenen Status ständig aktualisiert, erschnüffelt, wie es den anderen geht und wie man sinnlose Kommentare unter Photos und auf die Mauer (wie er die Pinnwand auch gerne nennt) verewigen kann. So, als wäre es das Normalste von der Welt. Kommen wir nun zum Nachrichtendienst. „Woher weiß denn Facebook Ihre E-Mail-Adresse, wenn ich Ihnen etwas schicken möchte, Katerina?“ „Naja es ist so: …“ Ich habe mich ebenso einst angemeldet mit Name, Passwort, E-Mail-Adresse, habe mich eingerichtet, möglicherweise unnötige Informationen preisgegeben (die, wenn ich ehrlich bin aus der Sicht einer anderen Person, plötzlich nicht mehr so gern lesen möchte). „Aaaalso: Dank Facebooks  Raffinesse kann ich jetz problemlos jedem eine Nachricht schicken! Natürlich nur, wenn der andere das auch möchte…“ „Ja, aber jetz habe ich ja nur Sie. Aber was ist, wenn ich noch 100 weitere Fräuleins hätte…“ (ich muss schmunzeln) „…woher weiß Facebook, wem ich die Nachricht schicken möchte?“ Ich will es ihm vernünftig erklären, fange aber an zu stammeln. „Nunja…“ Ich weiß nicht so recht, worauf er hinaus will. Das wäre ja nicht schlimm, ginge es nicht schon zwei Stunden so. „Dann… Dann.. ja…“ „Dann wäre ich ein Casanova!“ Also ich muss schon sagen, Humor hat er! Ich finde wieder die Fähigkeit ganze Sätze zu bilden: „Okay passen Sie auf! Da steht mein Name, den drücken Sie einfach und dann auf ‚Zprava‘- da oben links in der Ecke. Dann können Sie mir eine Nachricht schreiben.“ „Aber kann ich das nicht auch mit meinem E-Mail-Programm machen?“ „Ja na klar, aber wissen Sie Facebook ist kompakter und leichter zu bedienen!“ (ich könnte Werbe-Beraterin für Facebook werden) „Es ist alles viel übersichtlicher!“ Er schaut mich skeptisch von der Seite her an, die rechte Augenbraue geht langsam hoch. Ich kann es ihr nicht verübeln, immerhin stehen zwei Stunden Erklräungsnot über die Notwendigkeit von Facebook im totalen Gegensatz zu meiner Aussage von eben. Er ist müde: „Nagut, es ist ja schon spät, lassen wir es für heute!“ Wir lachen über uns vor Erschöpfung.

Freitag, 10.2.2012: Der Zug fährt klappernd und wankend, aber nicht unbedingt langsam durch die weiße Schneelandschafts Mährens im Februar. Im Abteil sitzen gut zehn von uns. Ich kann aber nur drei Köpfe zählen, die über den Ledersitzen hervorragen. Alle anderen sind vor Müdigkeit eingesackt, auf ihren Sitzen eingeschlafen, die Füße auf die Sitze gelegt, den Rumpf so gut es geht an den Wanderrucksack gelehnt, das Kinn auf der Brust, die Arme verschränkt. Wir sind alle müde und erschöpft, aber ganz und gar beseelt. Ich schaue aus dem Fenster und sehe wie Felder und Wälder an uns vorbei fliegen. Hinter uns liegen 5 schlaflose Seminartage. 5 Tage am Fuße der Beskiden. 5 Tage, die wir gemeinsam tanzten, sangen, lachten und diskutierten. Es ist das zweite gemeinsame Seminar in diesem Jahr mit den europäischen Freiwilligen. Leider auch das Letzte. Wir sind Freiwillige aus den verschiedensten Ländern: Frankreich, Bulgarien, Spanien, Ukraine, Österreich, Russland… Ende September beim ersten Seminar, als wir uns noch in kurzen Hosen, Sonnenbrille und Sonnencreme auf der Nase verabschiedet haben- mit der Floskel: „Wir sehen uns wieder beim Mid-Term-Seminar im Februar!“- hätte ich schwören können, bis dahin würde es noch eine Eeewigkeit dauern. Schwupdiwupp fielen die ersten Blätter von den Bäumen, das Christkind stand vor der Tür und schau mal an: Es is schon Februar! Trotzdem- die Bedeutung des Mid-Terms und die Vorstellung ich darf bald Bergfest feiern, wird mir erst jetzt bewusst. Schon so viel erlebt. Schon so viel hinter uns. Wie schön es doch ist Gleichgesinnte zu treffen! Das Jahr mit ihnen zu teilen. Sich auszutauschen. Festzustellen, dass junge Menschen im selben Alter am selben Ort so viel Bewegungsenergie tragen, wie kein reformierender Gesetzesentwurf dieser Welt. Wir sind laut! Wir sind aufmüpfig! Wir sind die Gegenwart! Wir entscheiden! Das Seminar war wie einmal tief Luft holen. Wir haben geplant, wir haben uns gegenseitig getröstet und gegenseitig ermutigt. Angehört, was wir für große Zukunftspläne haben. Was die anderen von ihnen halten. Was dieses Jahr für uns bedeutet! Es war einfach ein wunderbares Seminar.

Zurück im geliebten (und inwzischen sehr weißen) Prag erwarten mich neue Klienten, neue Mitbewohner und frischer Enthusiasmus! Prag ist mein Zuhause. Hier können die Gedanken sich frei entfalten, hier lerne ich das eigenverantwortliche Leben von einer ganz anderen Seite kennen. Es ist einfach großartig! Und immer wieder Situationen, in denen ich mit offnenen Mund da stehen könnte, mit nichts weiter rauszukriegen, als staunende Ohhhs und Ahhhs: Neulich wurde ich von einem Klienten auf ein Konzert in der Spanischen Synagoge mitgenommen; ein Männerchor aus Israel. Anlass für den Besuch war der Holocaustgedenktag. Es war unglaublich. Anfangs waren es eher schwermütige und für einen Abendländer sehr fremd klingende Melodien. Zum Ende jedoch immer fröhlicher. Jüdische Folklore. Alle standen auf, klatschten im Takt und sangen mit. Mein Klient, mit seinen 86, schwankt unsicheren Schrittes aber mit starken Willen in die erste Reihe um mit einzustimmen. Klar ich fühle ich schon ein bisschen Fehl am Platz. Dafür aber bin ich zu tiefst berührt von der Kraft der Musik! Diese vertraute jüdisch-humorvolle Art- sie steckt auch im gemeinsamen Musizieren. Es war ein unvergesslicher Abend!

Für heute Schluss, ihr lieben. Nur noch eins(!): ich möchte mich bei euch ganz herzlich bedanken für die lobenden Kommentare über das, was ich so in mein Blog zusammenschreibe! Ich freue mich, dass es gern gelesen wird! Děkuji moc! Bis zum nächsten Mal! 🙂 Kathy

Alles ist eitel- du aber bleibst!

93 Jahre lebt sie schon. Ihr Mann seit über 20 Jahren nicht mehr. Sie redet viel vom Sterben. Und dass sie wartet. Am Anfang habe ich einen dicken Kloß im Hals gespürt, wenn sie davon zu sprechen anfing. Dann fiel mir auf, dass in ihr noch so viel Leben steckt. Sie redet nicht viel von ihrer Vergangheit. Eher von dem, was jetzt vergeht: das Hören, das Sehen, die Menschen und jeder Tag, die Hoffnung in die Welt und in die Menschheit. Ich helfe ihr auf. Manchmal kann sie nicht mehr allein aufstehen- da brauch sie eine Stütze. Ich biete ihr meine Hand an- sie legt ihre Hand hinein. Wir drücken beide die Hand und heben gemeinsam. Plötzlich fängt sie an zu singen: „Gib mir die Hand schönes Mädchen“– wir müssen lachen. Was ich für Sprachen in der Schule gelernt habe? Englisch und Französisch- ja da in Stuttgart, waren auch zwei Franzosen- sehr charmant, sehr freundlich. Was aus ihnen geworden ist? Das weiß sie leider nicht. Ich liebe Beethoven und Mozart und wie heißt der aus Österreich? Schubert! Wie bitte? Franz Schubert! -…ja der Schubert! Das ist für sie das Schönste: klassische Musik. Sie schließt die Augen- sie hört gerade die Musik in diesem so stillen und dunkeln Zimmer und wiegt dabei ihren Kopf hin und her. Ich sehe sie lächeln. Wenn sie lächelt, dann kann ich nur mitlächeln. Dann strahlt das sonst so ewigmüde Gesicht! Ich will nicht mehr. Es soll vorbei sein. Was bleibt mir, denn hier noch? Was soll ich darauf sagen? Familie hat sie kaum noch! Außer Selbstmord!- Nein!! Nein, das sage ich auch nur so dahin. Ob ich die Virtine entstauben kann! Natürlich. Überall staub! Und es ist so dunkel draußen!… Am Anfang hat mich der Besuch bei ihr sehr zum Nachdenken gebracht. Und jedes mal würden wir uns ein allerletztes Mal sehen! Trotzdem schafft sie es mich jedes Mal zu überraschen, so dass ich inzwischen vielmehr heiter als bedrückt nach Hause gehe!

Ich kann nicht anders, als nur immer wieder zu sagen, wie sehr mir die Arbeit gefällt! Ich baue eine ganz besondere und ganz individuelle Beziehung zu jedem meiner Klienten auf. Sie sind Freunde, Großeltern, Diskussionspartner, Kinder, Lehrer, Patienten und Geschichtenerzähler. Der Besuch bei einem von ihnen in den kleinen Wohnung wirkt manchmal im extremen Gegensatz zu der Welt in die ich wieder zurückkehre, wenn der Fahrtstuhl leer wieder nach oben fährt und die Haustür ins Schloss fällt. Dann atme ich die kühle und feuchte Luft ein. Dann fängt es leise an zu schneien und ich setze meinen Weg fort zum nächsten Geschichtenerzähler. Ich setze mich in die Metro. Dann wäre mir manchmal nach Lachen zumute, manchmal nach Weinen und manchmal nach mehr Zeit zum zuhören!

Da steht Verfolgung und Krieg-, da steht Leid und Ausbeutung-, da steht Wahnsinn und Angst in ihren Augen – keine Gespenster der Vergangenheit. Nein. Bis es soweit sein wird, ist es noch ein langer Weg! Alles ist eitel. Der Schmerz von damals vergeht. Du aber bleibst und erinnerst daran, was dieser Schmerz bedeutete. Und was wir, wenn du einmal vergehst vielleicht vergessen werden: Nämlich, dass wir einst vor knapp 70 Jahren schworen, eine neue Welt zu bauen!

Fühlst du dich mutlos, fass endlich Mut, los! Fühlst du dich hilflos, geh raus und hilf, los! Fühlst du dich machtlos, geh raus und mach, los! Fühlst du dich haltlos, such Halt und lass los! Ihr sagt: keine Ende im Sicht- Wir sagen: 5 vor 12, alles auf Anfang!(Wir sind Helden: http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=x4Vt2bZVmZg&feature=endscreen)

Wies das möglich?!

Es dämmert draußen. Und auch das Zimmer wird immer dunkler. Alles verschwimmt langsam in Grau. Das Zimmer ist schmal und hoch. Wir schreiben das Jahr 5772. Das sagt mir der Kalender an der Wand. Der Schreibtisch ist überseht mit Werkszeug, Papier, Schrauben, und Bücher, Holz und Kugelschreiber. Am anderen Ende des Zimmers sitz er neben mir. 86 Jahre alt. Kein gläubiger Jude. Als 15-jähriger Partisanenkämpfer in der Slowakei gewesen. Einer von 52.000 die Spielberg interviewt hat. Wir beide hocken am Computer. Er schaltet sie Arbeitslampe an und dreht sie zu sich hin. Zusammen schreiben wir ein Rezept. Nein wir wollen nicht kochen! Wir wollen seinen E-Mail-Account öffnen.Das heißt jeden Schritt aufschreiben: „Cursor auf das orangfarbende Icon Bewegen.“ „Einmal auf die linke Taste drücken.“ „Warten.“… So oder so ähnlich schreibt sich Herr Soundso sein ‚Rezept‘, wie er es gerne nennt, auf tschechisch auf. Nach dem Motto steter Tropfen höhlt den Stein! Und das tut er!- Mit Erfolg. Stolz schaut sich Herr Soundso das Rezept an: „Hoffntlich funktionierdes beim nächsten Mal gleich. DasInternet bewegd sich ständig. Wies das möglich!?!“

Es ist schon November (listopad) und draußen wird es immer kälter und nebliger. Bei meiner heutigen Fahrt nach Hause über die Moldau schaute ich erstaunt aus dem Tram-Fenster! Alles voller Nebel! Fast gespenstisch, wie sich unscharfe Umrisse von Inselchen und Schiffchen von der Nebelmasse abheben. Dass es kalt wird, gefällt mir gar nicht und erst recht, dass es schon um halb Fünf dunkel wird. Aber das is nicht der Rede wert. Denn die beinahe übertriebene Anfangseuphorie ist einem Dauer-Gut-Gelaunt-Sein gewichen. Prag ist immernoch schön, selbst bei diesem nun sehr unschönem Wetter! Und nach zwei Monaten (der Wahnsinn, wie die Zeit fliegt) kennt man die Stadt besser als jeder Tourist, der die Tram nach Hause vollstopft.
Die Stadt ist umringt von Hügeln. …Nunja. Es war mal umringt! Mittlerweile umringen Wohnhäuser und Plattenbauten die Hügel. Auf einem der Hügel ist ein großer wunderschöner Park. Am Ende des Parks befindet sich ein riesengroßes Metronom, das man auch von der Moldau sieht. Keiner weiß wozu es da ist 🙂 Es takt munter vor sich hin. An seiner Stelle stand einst ein gigantisches Stalin-Denkmal. Nach Stalin wurde es für ca. 4,5 Millionen Kronen in die Luft gesprengt. Der Bildhauer des Denkmals brachte sich und seine Frau um bevor das Denkmal errichtet wurde. Prager Bürger schrieben ihm Drohbriefe.
Michael Jackson kam einst nach Prag und liebäugelte mit diesem Hügel. Nach seinem Tod wollen Fans jetzt eine riesige Statue von Michael Jackson an dieser Stelle, wo einst der Dikator hinunterschaute. So, wie es sich der King of Pop gewünscht hat.
Auf dem Wenzelsplatz verbrannten sich zwei Studenten, als der Warschauer Pakt drohte, den Frühling mit großen Panzern niederzuschießen. Es erinnert keine Tafel am Haus Nummer 65 an die Samtene Revolution 1989, als Havel die Republik von diesem Haus ausrief.
Das große Kaufhaus in der Nähe des Nationaltheaters trug den Namen Mai. Mai für den Monat der Befreiung ’45. Mai für das Ende der Unterdrückung durch Nazi-Deutschland. Nach 89 übernahm TESCO das Kaufhaus und gab ihm dreisterweise den Namen My.
So viel Idealismus. So viel Potential. So viel Geschichte steckt hier in Prag. Meine Arbeit gibt mir Einblicke in Einzelschicksale aus diesen bewegenden Zeiten. Einzelschicksale, die einen in Staunen versetzen, die so unglaublich klingen, so unwahr! Und plötzlich wird das konsumgeprägte, von Werbung und Publicity beeinflusste Bewusstsein fast total auf den Kopf gestellt.
Mich beeindruckt stets aufs Neue, wenn ich so hin und wieder eine Episode höre, nicht nur wieviel ein Mensch (er)leben kann. Auch wieviel ein Mensch (er)tragen kann.
Aber es sind auch nicht nur die Geschichten über die Schicksale, die meinen Arbeitsalltag bilden. Viel wichtiger ist den alten Herrschaften, dass Austauschen über ganz Alltägliches. Über die Kur, die bald gemacht wird, über die Hochzeit der Enkelin, über eine Freundin, die zu Besuch kam, über eine Austellung im Januar, über die nächste Englischkonversation, für die man etwas vorbereitet hat, über den Schwalbenflug, über Sonderangebote und über den Brief mit den Photos vom Neffen, der seinen 60. gefeiert hat.
Es ist schön, wenn so eine alte Frau, über neunzig plötzlich mit mir in lautes Lachen ausbricht, weil der Nachbar, ein junger gestriegelter Typ mit enger Hose und glatten Schuhe, fast die Treppe runterfliegt.
Das Einzige, was dem Wetter nichts entgegenbringen kann ist mein Erlernen der Tschechischen Sprache. Langsam, sehr langsam geht es voran. Doch ich bin froh, dass es überhaupt voran geht, denn ich habe das Gefühl aus einem Mysterium über die Sprache hat sich ein großes schwarzes Loch gebildet. Es lacht mich bitter aus, wenn es mich sieht, wie ich versuche Vokabeln und Grammatik in mich hinein zu hämmern. Doch ich gebe nicht auf! Vielleicht gelingt mir auch, wie Albert Einstein, irgendwann die Non-Plus-Ultra-Formel. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass an diesem Sprichwort Steter Tropfen höhlt den Stein irgendwas etwas dran sein muss!

Prag- die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt!

Ahoj ihr Blogfollowerseses!
Nach einer Eingewöhnungszeit von nun mehr als vier ganzen Wochen, habe ich nun endlich ausgiebig Zeit gefunden mich meinen Blog zu widmen.
Es ist Oktober (říjen). Die letzten warmen Sonnenstrahlen haben Prag schon längst erreicht gehabt und der warme Altweibersommer, der so manchen schönen Abend draußen zu einem Genuss machte, ist dem oktoberlichen Herbst gewichen. Und da sind sie endlich die Kastanien auf den Gehwegen und Weihnachtskalender in den Supermärkten. 🙂
Bunte Blätter fallen hinunter. Die Moldau wird grau, wie der Himmel und die großen Parks verwandeln sich in bunte Paradeise.
Alltag ist eingekehrt. Und nach der aufregenden Anfangsphase nun auch mit ihm die Ruhe und ein bisschen Struktur. Doch der Arbeitsalltag ist keinesfalls so dunkel, wie es jetzt immer früher am Abend wird. Nein. Er ist so bunt, wie das Laub auf den Straßen und in den Parks:
Die Besuche bei diesen älteren Herrschaften sind etwas ganz Besonderes- jeder Einzelne. Ich höre Geschichten von Zeiten, die schon längst vergangen sind und plötzlich wieder so gegenwärtig werden! Kindheitserinnerungen an die alte Wohnung, Episoden des Krieges im Versteck oder als Widerständler, Erinnerungen aus der Kommunistenzeit an den Prager Frühling und an die Politische Wende, Rückblenden aus der Zeit in Israel…
Ich bin nach jedem Besuch so überrascht, wieviel ein Mensch (er)leben kann!
Und da steht ein Professor für Pharmazie vor mir. Gebeugter Rücken, mit Gehilfe und bringt mir aus der Küche eine klappernde Tasse Tee.
Da werden Photos gezeigt. Tschechisch und Deutsch zusammengelernt. Die großen Einkaufstaschen getragen und Vitrinen entstaubt. Da wird Tee getrunken. Viel Tee! Und da wird am Computer gesessen und ein Rezept geschrieben um das E-Mail-Postfach zu öffnen. Jaja! 87 und fit mit Handy und Internet! Das mag man vielleicht nicht glauben, aber diese Menschen haben auch Buisness! Und immer die Frage „und wie gefällt Ihnen Prag?“.
Ja wie gefällt mir Prag? Was ist das für ein Frage? Prag ist die schönste Stadt der Welt, daran gibt es keinen Zweifel. Es ist für mich sehr ungewohnt in einer Millionenstadt zu wohnen: Non-Stop-Geschäfte, 24h-Potravinys (kleine Tante Emma-Läden), Filme werden hier gedreht, wichtige Politiker und Gesellschafstheoretiker zu öffentlichen Diskussionen eingeladen (->www.forum2000.cz), Sirenen heulen, Massen von Menschen werden mit dem öffentlichen Verkehr transportiert, Touristen belagern die Prager Burg und die Altstadt, Werbung überall, Pubs sind in der Nacht überfüllt und jeder Tag hält eine kleine Überraschung bereit. Langeweile? Natürlich nicht!
Nur das mit dem Tschechisch, das wird mir mehr und mehr zu einem Mysterium. Natürlich ich habe einen Sprachkurs und ich bin wirklich bemüht schnell zu lernen. Aber ist es nicht ein herber Rückschlag, wenn man im Laden steht und die Verkäuferin stolz auf Tschechisch fragt, wo ich die Butter finde und sie mich partout nicht versteht? Und da rutscht er wieder raus der Satz: „Mluvím malo ceský!“. Aber Aufgeben- das gibt es nicht!
Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle sagen, dass diese Stadt, meine Arbeit und eben auch die Sprache durchaus eine Versuchung wert ist! Und wer sich einmal selbst überzeugen will, der kann mich und meine Mitbewohner gerne Mal besuchen! Wir haben eine super bequeme Couch und Zeit sowieso!
Nun denn- čus bus und bis denn!
Kathy