Archiv | Februar 2012

PR-Beraterin für Facebook

Einem 88 Jährigen zu erklären, wozu Facebook gut ist, ist genauso leicht, wie einen kleinen Deckel auf einen großen Topf zu setzen. 2 Stunden haben wir diskutiert. Ich habe versucht es mit einem E-Mail-Programm zu erklären. Herr Pán ist im Grunde ziemlich pfiffig, was Google, Videotelefonie und Computer angeht. Mein erster Erklärungsversuch: Es ginge nicht nur um die einfache Handhabung, jeden mit kleinen Nachrichten zu nerven. Vielmehr ginge es um die ständige online-Aktualisierung privater Angelegenheiten. Das verständlich darzustellen, war doch nicht so leicht, wie ich dachte. “Wer macht denn sowas?” Diese Frage hat mich ganschön ins Schwitzen gebracht. Aber nicht die Tatsache scheinbar unschuldig darauf antworten zu müssen. Es war eher die Absurdität dieser Handhabung, die durch diese Frage offenbar wird. “Ja… Sie müssen mir das aber nicht erklären. Wissen Sie? Sie sind jung und ich bin ein alter Mann. Ich brauch das nicht!  Aber…” Er ist neugierig und er will sich auch anmelden, damit er es mit eigenen Augen sehen kann. Name, Passwort, E-Mail-Adresse… Kurzer Hand bekam ich eine Freundschaftsanfrage von Herrn Pán, die ich natürlich fakelich- nein facelicher- aaach ich mein natürlich freundlicherweise(!) angenommen habe. Er: “Was machen wir jetzt?!” Ich zeige ihm geübt, wie man den eigenen Status ständig aktualisiert, erschnüffelt, wie es den anderen geht und wie man sinnlose Kommentare unter Photos und auf die Mauer (wie er die Pinnwand auch gerne nennt) verewigen kann. So, als wäre es das Normalste von der Welt. Kommen wir nun zum Nachrichtendienst. “Woher weiß denn Facebook Ihre E-Mail-Adresse, wenn ich Ihnen etwas schicken möchte, Katerina?” “Naja es ist so: …” Ich habe mich ebenso einst angemeldet mit Name, Passwort, E-Mail-Adresse, habe mich eingerichtet, möglicherweise unnötige Informationen preisgegeben (die, wenn ich ehrlich bin aus der Sicht einer anderen Person, plötzlich nicht mehr so gern lesen möchte). “Aaaalso: Dank Facebooks  Raffinesse kann ich jetz problemlos jedem eine Nachricht schicken! Natürlich nur, wenn der andere das auch möchte…” “Ja, aber jetz habe ich ja nur Sie. Aber was ist, wenn ich noch 100 weitere Fräuleins hätte…” (ich muss schmunzeln) “…woher weiß Facebook, wem ich die Nachricht schicken möchte?” Ich will es ihm vernünftig erklären, fange aber an zu stammeln. “Nunja…” Ich weiß nicht so recht, worauf er hinaus will. Das wäre ja nicht schlimm, ginge es nicht schon zwei Stunden so. “Dann… Dann.. ja…” “Dann wäre ich ein Casanova!” Also ich muss schon sagen, Humor hat er! Ich finde wieder die Fähigkeit ganze Sätze zu bilden: “Okay passen Sie auf! Da steht mein Name, den drücken Sie einfach und dann auf ‘Zprava’- da oben links in der Ecke. Dann können Sie mir eine Nachricht schreiben.” “Aber kann ich das nicht auch mit meinem E-Mail-Programm machen?” “Ja na klar, aber wissen Sie Facebook ist kompakter und leichter zu bedienen!” (ich könnte Werbe-Beraterin für Facebook werden) “Es ist alles viel übersichtlicher!” Er schaut mich skeptisch von der Seite her an, die rechte Augenbraue geht langsam hoch. Ich kann es ihr nicht verübeln, immerhin stehen zwei Stunden Erklräungsnot über die Notwendigkeit von Facebook im totalen Gegensatz zu meiner Aussage von eben. Er ist müde: “Nagut, es ist ja schon spät, lassen wir es für heute!” Wir lachen über uns vor Erschöpfung.

Freitag, 10.2.2012: Der Zug fährt klappernd und wankend, aber nicht unbedingt langsam durch die weiße Schneelandschafts Mährens im Februar. Im Abteil sitzen gut zehn von uns. Ich kann aber nur drei Köpfe zählen, die über den Ledersitzen hervorragen. Alle anderen sind vor Müdigkeit eingesackt, auf ihren Sitzen eingeschlafen, die Füße auf die Sitze gelegt, den Rumpf so gut es geht an den Wanderrucksack gelehnt, das Kinn auf der Brust, die Arme verschränkt. Wir sind alle müde und erschöpft, aber ganz und gar beseelt. Ich schaue aus dem Fenster und sehe wie Felder und Wälder an uns vorbei fliegen. Hinter uns liegen 5 schlaflose Seminartage. 5 Tage am Fuße der Beskiden. 5 Tage, die wir gemeinsam tanzten, sangen, lachten und diskutierten. Es ist das zweite gemeinsame Seminar in diesem Jahr mit den europäischen Freiwilligen. Leider auch das Letzte. Wir sind Freiwillige aus den verschiedensten Ländern: Frankreich, Bulgarien, Spanien, Ukraine, Österreich, Russland… Ende September beim ersten Seminar, als wir uns noch in kurzen Hosen, Sonnenbrille und Sonnencreme auf der Nase verabschiedet haben- mit der Floskel: “Wir sehen uns wieder beim Mid-Term-Seminar im Februar!”- hätte ich schwören können, bis dahin würde es noch eine Eeewigkeit dauern. Schwupdiwupp fielen die ersten Blätter von den Bäumen, das Christkind stand vor der Tür und schau mal an: Es is schon Februar! Trotzdem- die Bedeutung des Mid-Terms und die Vorstellung ich darf bald Bergfest feiern, wird mir erst jetzt bewusst. Schon so viel erlebt. Schon so viel hinter uns. Wie schön es doch ist Gleichgesinnte zu treffen! Das Jahr mit ihnen zu teilen. Sich auszutauschen. Festzustellen, dass junge Menschen im selben Alter am selben Ort so viel Bewegungsenergie tragen, wie kein reformierender Gesetzesentwurf dieser Welt. Wir sind laut! Wir sind aufmüpfig! Wir sind die Gegenwart! Wir entscheiden! Das Seminar war wie einmal tief Luft holen. Wir haben geplant, wir haben uns gegenseitig getröstet und gegenseitig ermutigt. Angehört, was wir für große Zukunftspläne haben. Was die anderen von ihnen halten. Was dieses Jahr für uns bedeutet! Es war einfach ein wunderbares Seminar.

Zurück im geliebten (und inwzischen sehr weißen) Prag erwarten mich neue Klienten, neue Mitbewohner und frischer Enthusiasmus! Prag ist mein Zuhause. Hier können die Gedanken sich frei entfalten, hier lerne ich das eigenverantwortliche Leben von einer ganz anderen Seite kennen. Es ist einfach großartig! Und immer wieder Situationen, in denen ich mit offnenen Mund da stehen könnte, mit nichts weiter rauszukriegen, als staunende Ohhhs und Ahhhs: Neulich wurde ich von einem Klienten auf ein Konzert in der Spanischen Synagoge mitgenommen; ein Männerchor aus Israel. Anlass für den Besuch war der Holocaustgedenktag. Es war unglaublich. Anfangs waren es eher schwermütige und für einen Abendländer sehr fremd klingende Melodien. Zum Ende jedoch immer fröhlicher. Jüdische Folklore. Alle standen auf, klatschten im Takt und sangen mit. Mein Klient, mit seinen 86, schwankt unsicheren Schrittes aber mit starken Willen in die erste Reihe um mit einzustimmen. Klar ich fühle ich schon ein bisschen Fehl am Platz. Dafür aber bin ich zu tiefst berührt von der Kraft der Musik! Diese vertraute jüdisch-humorvolle Art- sie steckt auch im gemeinsamen Musizieren. Es war ein unvergesslicher Abend!

Für heute Schluss, ihr lieben. Nur noch eins(!): ich möchte mich bei euch ganz herzlich bedanken für die lobenden Kommentare über das, was ich so in mein Blog zusammenschreibe! Ich freue mich, dass es gern gelesen wird! Děkuji moc! Bis zum nächsten Mal! :) Kathy

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.